Toccata (Mai-Juni 2007)
Zwar erklingen in der Aufnahme des Ensembles La Morra nur Chansons, aber auch darin gibt es manchmal Hinweise auf Maria. In einem Chanson bilden die Anfangsbuchstaben jeder Zeile das Akrostichon 'Tota pulcra es mater pia virgo Maria' (Ganz schön bist du, fromme Mutter, Jungfrau Maria). Und ein anderes Chanson ist ein direkte Lobpreisung der Maria. Die anderen Chansons handeln von der höfischen Liebe, aber die Wörter und Bilder in solchen Gedichten könnten genausogut für Marienlieder verwendet werden. Und auch musikalisch unterscheiden sie sich nicht wesentlich. Das Repertoire, das La Morra zu Gehör bringt, stammt aus einer in der Universitätsbibliothek in Turin aufbewahrten Handschrift, die auf Zypern entstanden ist. Im 12. Jahrhundert hatte England die Insel erobert, und 1192 verlieh Richard Löwenherz seinem Lehnsmann Guy de Lusignan die Souveränität über Zypern. So kam die Insel unter französischem Einfluss, und deswegen trägt die in dieser Handschrift aufgezeichnete Musik einen französischen Charakter. Neben geistlichen Werken befinden sich darin 166 Chansons. Nur die Oberstimmen sind textiert, und die werden hier gesungen, während die Gegenstimmen instrumental ausgeführt werden. Dabei werden auch Verzierungen hinzugefügt, und mehrere Stücke werden auch rein instrumental dargeboten, oft übrigens von den Interpreten geändert. Über die Frage, ob man dabei nicht zu weit geht, lässt sich streiten, aber es ist keine Frage, dass die Mitglieder dieses Ensembles ihre Aufgaben vorzüglich erfüllen. Die Gesangslinie ist recht anspruchsvoll, weil die Sängerin manchmal kaum Zeit zum Atmen hat. In einer der Chansons ist der Umfang der Gesangspartie ziemlich gross, aber Els Janssens singt diese und die anderen Chansons sehr gut. In einigen Stücken tendieren die Instrumenten dazu, die Singstimme zu überstimmen. Das Textheft enthält informative Programmerläuterungen, und enthält deutsche Überzetzungen der Gesangstexte. Eine vorbildliche Produktion.