Neue Zürcher Zeitung (7 September 2006)

Eines der schönsten und umfangreichsten französischen Musik-Manuskripte des ausgehenden 14. Jahrhunderts findet sich in der Universitätsbibliothek von Turin. Es enthält nicht weniger als 166 mehrstimmige Vertonungen weltlicher und geistlicher Natur. Zwar ist kein einziger Komponist im Codex namentlich ausgewiesen. Doch es spricht einiges dafür, dass die kunstvoll gearbeiteten Stücke nicht in Frankreich selber, sondern fernab der Heimat am Hof Janus I. von Lusignan auf Zypern entstanden sind, dem seit Ende des 12. Jahrhunderts östlichsten Vorposten Frankreichs im Mittelmeer. Das an der Basler Schola Cantorum beheimatete Ensemble La Morra hat daraus eine Auswahl von Balladen, Rondeaus und Virelais eingespielt, welche die einst von Trobadors und Trouvères getragene Liebeslyrik in musikalisch elaborierter Form dokumentiert. Während die von der Mezzosopranistin Els Janssens kernig und schlank geführte Obertstimme in epischem Erzählton von den Freuden und Leiden der Liebe kündet, bilden die instrumentalen Unterstimmen mit Flöten, Laute, Fidel und Dulzian ein farbenreiches und rhythmisch dichtes Fundament. Ein ruhig und langsam vorwärts fliessendes Geflecht, dessen poetische Schönheit sich dem Mittelalterliebhaber ganz unmittelbar erschliesst.