Musik und Kirche (März/April 2007)
DEMUT UND ZUVERSICHT
Die Katastrophe des Deißigjährigen Krieges hatte einerseits zutiefst
verunsichernde, ja demoralisierende Auswirkungen auf die deutsche Geisteswelt;
anderseits brachte sie eine Rückbesinnung auf existenzielle Fragen der
Religion mit sich. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Vokalwerke dieser
Aufnahmen, die etwas ungenau als geistliche Kantaten bezeichnet werden, obwohl
es sich eigentlich um Konzerte une Arien handelt: Demut, Kummer und Angst sprechen
aus diesen Werken, aber auch Vertrauen, Zuversicht und eine Dankbarkeit, die
sich weniger im Jubel als in stiller Bescheidenheit zeigt. Recht bekannt sind
das Konzert Kommet her zu mir alle von Matthias Weckmann, das Lamento
Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt von Johann Christoph
Bach und De profundis clamavi von Nicolaus Bruhns. Eine große Repertoire-bereicherung
stellt Christian Geists Aria Es war aber an der Stätte dar, in der
die Grablegungsszene zunächst als Arioso accompagnato vertont und dann
mit dem Choral "O Traurigkeit, o Herzeleid" kommentiert wird; hier
eröffnet sich die ganze emotionale Tiefe der protestantischen Kirchenmusik
des 17. Jahrhunderts. Im Vergleich dazu wirkt die Psalmvertonung Domine ne
furore tuo von Benedictus Buns wesentlich oberflächlicher, obwohl sir
harmonisch und melodisch durchaus ihren Reiz hat; man merkt deutlich, dass die
katolische Vokalmusik dieser Zeit eine eher dekorative als predigende Funktion
hatte.
In Peter Kooij finden alle Stücke einen Interpreten, dessen dunkles, zum
Teil basaltiges Basstimbre für die richtige Grundstimmung sorgt und der
es versteht, mit sparsamen Akzenten eine hohe rhetorische Intensität zu
erzeugen. Einziger Kritikpunt wäre seine italienische Aussprache des Lateinischen:
Es gab zwar auch in Nord-deutschland italienische Sänger, vor allem Kastraten;
gleichwohl ist zumindest Bruhns' Werk theologisch im Protestantismus verwurzelt,
was man durch eine Aussprache verdeutlichen sollte, wie sie seinerzeit an deutschen
Lateinschulen gepflegt wurde.
L'Armonia Sonora steht aufführungspraktisch ganz in der niederländisch-belgischen
Tradition und lässt mit einem ebenso sensiblen wie sinnlichen Geigen-Gamben-Klang
eine wunderbare Atmosphäre aufkommen, in der das ganze Spektrum von Trauer
und Trost zur Geltung kommt. Eine Sonate von Biber und ein Lamento von Schmelzer
runden das Programm stimmig ab.
Matthias Hengelbrock