www.musikansich.de (2007)
SPÄTE RENAISSANCEBLÜTEN
Der außerordentlichen Musik von Pascal LEstocart
(1537-1589) begegnete ich zuerst in einer Interpretation durch das Ensemble
Clement Janequin. Anfang der 1980er Jahre hat es bei harmonia mundi die Madrigalsammlung
Octonaires de la Vanite du Monde eingespielt. LEstocart, über dessen
Leben wenig bekannt ist, hat diese elegisch-melancholischen Abgesänge auf
die Vergänglichkeit der Welt mit einer kühnen harmonischen Sprache
und den verfeinerten Ausdrucksmitteln der Spätrenaissance in Klang gesetzt.
Bis vor kurzem war diese schöne Einspielung die einzige discographische
»Monographie«, die man LEstocart gewidmet hat.
Jetzt hat sich das Ensemble Ludus Modalis unter der Leitung und Mitwirkung des
Tenors Bruno Boterf einer Sammlung mit überwiegend kürzeren französischen
und einigen lateinischen geistlichen Werken zu 3 bis 6 Stimmen angenommen. Da
die Sammlung zugleich einen Querschnitt durch alle damals gängigen Kunstmittel
geistlicher Musik bietet, darf man in ihr eine Art Visitenkarte sehen.
LEstocart widmete die Ausgabe seiner Sacrae Cantiones dem calvinistischen
Pfalzgrafen Johann Casimir. Ob LEstocart selbst auf Dauer den Reformierten
angehörte, ist bis heute nicht ganz klar. Sein Werk ist, zumindest was
die Texte angeht, konfessionell doppelgesichtig, neben den neuen chansons spirituelles
in der Volkssprache gibt es auch Motetten im liturgischen Latein. Musikalisch
hingegen bewegt es sich, bei aller Eigenart, eindeutig auf der Höhe der
Zeit und kann sich mit den chromatischen Wagnissen eines Orlando di Lasso messen,
bringt aber auch eine rhythmische Beweglichkeit in die Musik hinein, die auf
eine eine barocke Rhetorik vorausweist.
Ludus Modalis ist ein gemischtes Vokalensemble; auf zusätzliche Instrumente
wurde bei dieser Produktion verzichtet. Dennoch kommt keine Eintönigkeit
auf: Die wechselnde, auf die mögliche Funktion zwischen Haus- und Kirchenmusik
abgestimmte Besetzung mit ein oder zwei Stimmen pro Part klingt bei aller Intimität
immer wieder überraschend weiträumig und sonor. Den Sänger/innen
gelingt es, Homogenität und Individualität der Register so auszubalancieren,
dass sich nicht nur innerhalb der einzelnen Stücke, sondern auch von einem
zum anderen immer neue dynamische Schattierungen und Grundfarben ergeben. Insgesamt
eine exquisite Darbietung und eine Bereicherung des Repertoires.
Georg Henkel