www.magazine.klassic.com (04
März 2007)
DYNAMISCHE INTERPRETATIONEN AUS DEM MUSEUM
Interpretation, Klangqualität, Repertoirewert, Booklet: * * * * *
Hans Leo und Jacob, der älteste und der jüngste
der drei Hassler-Brüder beschritten beide ähnliche Lebenswege. Beide
wurden sie in Nürnberg geboren, beide studierten sie in Venedig, beide
standen zeitweise im Organistendienst der Fugger in Augsburg. Hans Leos Wege
führten ihn weiter nach Nürnberg zurück, dann nach Ulm, nach
Dresden. Gestorben ist er während des Reichstags 1612 in Frankfurt am Main.
Jacob trat 1597 in den Dienst des Grafen von Hohenzollern-Hechingen. Mehrere
Vaterschaftsklagen zwangen ihn zum Ortswechsel. In Prag fand er Anstellung als
Kammerorganist der Kaiserlichen Hofkapelle. Zwischen 1621 und 1622 starb er.
Es gehört eine große Portion Mut dazu, eine CD mit Musik zu produzieren,
die in der Beschränkung auf ein Tasteninstrument für einen Großteil
der Hörerschaft von vornherein eine Reduktion des Kaufreizes bedeutet,
noch dazu, wenn es sich dabei um Musik aus jenem Abschnitt der Musikgeschichte
handelt, als die Instrumentalmusik, und insbesondere die Tastenmusik, sich gegenüber
der Vokalmusik autonom zu etablieren begann und die Komponisten nun mit den
gewonnenen Möglichkeiten des Instruments zu experimentieren begannen. Da
nimmt es nicht Wunder, dass Léon Berben, der bei Ton Koopman studiert
hat, bei Reinhard Goebels Musica Antiqua Köln als Cembalist mitwirkt und
für die Deutsche Grammophon mehrere Aufnahmen mit diesem Ensemble gemacht
hat und der zuvor bereits beim Amsterdam Baroque Orchestra und dem Freiburger
Barockorchester spielte, sich mit seinen Solo-Alben eher kleineren Labels wie
Ramée anvertraut. Berben hat Referenzen, hat er doch für
seine Solo-CDs bislang zahlreiche Preise bekommen, darunter Le Monde de
la Musique, Diapason und den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.
Für das Label Grund genug, eben jenen unternehmerischen Mut walten zu lassen,
Berben ein Programm mit Cembalo-Musik von Hans Leo und Jacob Hassler einspielen
zu lassen ein beileibe nicht überstrapaziertes Repertoire.
Dass Berben das Patavinus-Cembalo des Deutschen Museums in München für
die Aufnahmen gewählt hat, hat seinen Grund. Der wahrscheinlich venezianische
Instrumentenbauer Franciscus Patavinus baute 1561 ein Cembalo, das eventuell
im Besitz der Augsburger Fugger war, denn diese besaßen mehrere von Patavinus
gebaute Cembali, wie aus einem Inventar der Fugger von 1566 hervorgeht. Es ist
nicht unwahrscheinlich, dass die Hasslers diese Instrumente spielten und dass
das Instrument, das seit 1910 im Besitz des Deutschen Museums ist, eines aus
dem Besitz der Fugger ist.
Sechs Stücke aus dem Tasteninstrument-Oeuvre Jacob Hasslers hat Léon
Berben für diese Einspielung ausgewählt, vornehmlich gebräuchliche
Gattungen jener Zeit: Toccata, Ricercar, Fantasia, Canzon und Fuga. Danach steht
dem Hörer die über 40minütigen 31 Variationen Hans Leo Hasslers
über Ich gieng einmal spatieren bevor, deren Cantus firmus
dem einen oder anderen bekannt vorkommen mag, ist seine Kontrafaktur doch in
den evangelischen Gesangbüchern als Von Gott will ich nicht lassen
bzw. auch Mit Ernst, o Menschenkinder verzeichnet. Präsentiert
León Berben also eigentlich lediglich Studienmaterial für den musikwissenschaftlich
Interessierten? Was macht den Reiz dieser Einspielung aus, wo es in dieser Musik
doch von lauter Figuration und stereotyper Ornamentik nur so wimmelt? Solche
Fragen sind unberechtigt. Die Sorge, dass eine solche Aufnahme nur für
den Akademiker von Interesse sein könnte, für den Laien schlichtweg
langweilig, kann Berben insofern entkräften, als er das Notenmaterial nicht
in trockener Gleichförmigkeit mechanisch abspult, sondern auf der Folie
rhythmisch prägnanter Artikulation die kunstvoll kontrastsreich voneinander
abgehobenen Schichten polyphonen Geflechts und blockhafter Akkordik plastisch
ausdifferenziert. Der herrlich weich abgerundete, volltönende Klang des
Patavinus-Cembalos leistet ihm dabei gute Dienste. Figurativ-ornamentales formt
Berben nicht manieristisch aus, sondern schließt sie in die fein gebundenen
Phrasen mit ein, die er ausdrucksstark zu kräftigen weiß. Bündigkeit
der Phrasen, Intensität der Binnenspannung innerhalb der Textur und Griffigkeit
des Anschlags evozieren zudem ein dynamisches Spektrum, das ein Cembalo an sich
nicht zu leisten vermag.
Berben spielt technisch makellos, brillant und virtuos und kann auf diese Weise
zwei Hörerschichten ansprechen: jene, die in der Tat wissenschaftliches
Interesse an dieser doch bereits sehr speziellen Musik bekunden und jene, die
des reinen Vergnügens willen sich dieser Musik widmen. Der trockene Akademismus
jedenfalls liegt Berben fern. Dazu ist sein Spiel zu energetisch und von zu
glutvoller Überzeugungskraft. Noch dazu steuert Berben eines der detailliertesten
und editorisch gelungensten Booklets bei, die man sich nur vorstellen kann.
Die Tontechnik hat mit der akustischen Dokumentation des natürlichen Raumklangs
des alten Instruments eine Meisterleistung vollbracht. Empfehlenswert!
Erik Dauman