www.magazine.klassic.com (30. Januar 2010)
SOLISTISCHER BACH
Interpretation, Klangqualität, Repertoirewert: * * * *
Booklet: * * *
Der niederländische Bariton Peter Kooij verfügt über eine Expertise im Bach-Gesang wie kaum ein anderer Vokalist sonst – mit fast allen der großen Interpreten hat er das Kantaten-Werk, die Passionen und Motetten konzertierend aufgeführt und für die Platte eingesungen. Seit 2001 widmet er sich zudem gemeinsam mit jungen Bach-Interpreten im Ensemble Sette Voci dem Werk des großen Thomas-Kantors. Diese Formation vereint in der vorliegenden Aufnahme mit den Motetten Bachs Hana Blažíková, Zsuzsi Tóth, Damien Guillon, Robin Blaze, Satoshi Misukoshi, Chris Watson, Dominik Wörner und Jelle Draijer – etliche von ihnen längst selbst namhafte Protagonisten der Alten Musik.
Das beschert dem Ensemble eine sehr homogene Klasse: Toll intonierend interagieren die acht Sängerinnen und Sänger quasi chorisch – auch Liebhaber größerer Besetzungen für die doppelchörigen Motetten Bachs dürften nicht allzu viel entbehren. Die bereits jetzt ausgeprägte Expertise der Akteure stellt neben die Frische des Klangs und die stimmliche Beweglichkeit gewissermaßen gleichberechtigt einige interpretatorische Erfahrung, die den ambitionierten Motetten deutlich zugute kommt. Natur- und besetzungsgemäß liegen der Formation das Leichte und das Elegante sehr nahe, doch werden gerade aus dieser schlanken Disposition heraus sehr gelungene Steigerungen entwickelt. Peter Kooij pflegt selbst einen noblen Vokalklang und wandelt auch als Leiter von Sette Voci auf diesen Spuren: Feine Artikulation steht selbstverständlich neben der klanglichen Ausgewogenheit, zu der alle Beteiligten fähig sind.
Aber nicht nur das schon auf dem Papier überzeugende Potenzial überzeugt – auch die interpretatorische Umsetzung verrät klare Vorstellungen und intensive Arbeit am allseits bekannten Material: Die einleitende Motette BWV 229 'Komm, Jesu, komm‘ besticht durch eine geglückte Wahl der Tempi und die große Geduld, mit der Kooij und die Seinen den Sarabanden-Beginn gestalten. Mit dem großen 'Jesu, meine Freude‘ BWV 227 wird das vielleicht noch deutlicher. Hier disponiert Kooij die Tempi ebenfalls klug und formt so eine schöne und überzeugende Proportion im Kontext der einzelnen Abschnitte. Im Vordergrund steht die Zeit, die zur Ausformung feiner Satzcharaktere zugelassen wird. Wie so oft ist es auch hier: Wenn auf klanglich sehr konzentrierter Basis gearbeitet wird, geraten dynamische Kontraste und Steigerungen umso überzeugender, etwa bei der Stelle 'Tobe Welt und springe‘. Zum wundervollen Punkt der klanglichen Konzentration wird dann das Quartett 'Gute Nacht, o Wesen‘.
Die andere große Motette 'Singet dem Herrn ein neues Lied‘ BWV 225 besticht durch tänzerische Leichtigkeit und durch die phantastisch gesungene Fuge 'Die Kinder Zion‘. Die gelingt beweglich, individuell virtuos, auch chorisch enorm energetisch, dabei fein und in atmenden Bögen phrasiert: Das ist ganz hohe Gesangs- und Interpretationskunst. Und Ähnliches ließe sich über andere Passagen auch sagen.
Das alles ist in einem plastischen, ausgewogenen Klangbild realisiert. Der in Gestalt von Violone und Orgel mitgespielte Generalbass wird sehr diskret und kurz artikuliert und birgt bei einer gewissen Räumlichkeit natürlich doch ein gewisses Restrisiko der Dominanz im Gesamtklang. Dieser Gefahr entgeht die Aufnahme fast vollständig.
Diese feine und gelungene Einspielung der Motetten Johann Sebastian Bachs kann sich in der Gesellschaft anderer solistisch besetzter Aufnahmen dieser Werke – in jüngerer Zeit etwa durch das Hilliard Ensemble oder Trinity Baroque – ohne Mühe behaupten und nimmt mit einer ausgewogen hohen Qualität für sich ein.
Dr. Matthias Lange