www.magazine.klassic.com (19. April 2007)

TÄNZERISCH-BESCHWINGTES VOM GROßEN THEORETIKER
Interpretation: * * * * *
Klangqualität, Repertoirewer, Booklet: * * * *

Die musikkritischen Schriften des Hamburgers Johann Mattheson gehören zu den wichtigsten Quellen über das Musikleben des 18.Jahrhunderts. Seine theoretischen Beiträge über das Orchester und seine markigen Äußerungen über musizierende Kollegen haben ihm bis heute den Ruf eines unerbittlichen Kritikers und gestrengen Gelehrten eingetragen. Darüber ist ziemlich in Vergessenheit geraten, dass Mattheson ein international geschätzter Musiker und Komponist war, der bei seinen Zeitgenossen große Popularität besaß. Er prägte das Musikleben seiner Heimatstadt wie kaum ein anderer und nahm am gesellschaftlichen Leben aufmerksam teil. Ab 1704 unterrichtete er als Hauslehrer den Sohnes des englischen Gesandten Sir John Wich, durch den er in die besten Kreise eingeführt wurde. Wich vertraute dem gewandten Mattheson sogar so sehr, dass er ihn schon bald zu seinem Sekretär ernannte. Diesen Posten füllte er auch noch unter dem Sohn Cyrill Wich aus.
Seine ‘Pieces de Clavecin’, die er 1714 in England veröffentlichte, entstanden wohl für die musikalischen Unterrichtsstunden, die Mattheson Cyrill erteilte. Er zeigt in ihnen die perfekte Beherrschung aller Raffinessen und Tricks der Cembaloliteratur und glänzt mit kompositorischem Einfallsreichtum. Die Stücke kombinieren geschickt französische, italienische und deutsche Einflüsse. So mischt er eine komplexe Kontrapunktik mit der eleganten Melodik italienischer Opern und der spannenden Rhythmik französischer Tanzmusik. Da er offenbar darauf spekulierte am lukrativen Londoner Musikalienmarkt mit dieser Veröffentlichung partizipieren zu können, ist dieser kosmopolitische Einschlag in der Suitenfolge nur konsequent. London war damals der Dreh- und Angelpunkt des europäischen Musiklebens und beeinflusste mit seinem ausgefallenen Geschmack das musikalische Geschehen Europas. Wer als Musiker reich werden wollte, musste sich hier beweisen. Hamburg seinerseits war damals ein wichtiges Tor nach England. Mattheson war deshalb schon früh mit den Gegebenheiten auf der Insel vertraut und konnte durch seine enge Beziehung zu Wich auch auf gute Unterstützung hoffen. Leider brachten die Suiten ihm nicht den ganz großen Erfolg ein, aber es war damals selbst für gestandene Musiker schwer auf dem überhitzten Londoner Parkett zu bestehen. So sagt der Erfolg nichts über die Qualität dieser Stücke aus.
Der brasilianische Cembalist Christiano Holtz, der unter anderem bei Jacques Ogg und Gustav Leonhardt gelernt hat, beweist auf seiner aktuellen Einspielung der Suiten, dass der Komponist Mattheson ganz zu Recht in den letzten Jahren wieder etwas mehr ins Bewusstsein von Aufführenden und Hörern gerückt ist. Auf dem von ihm für die Aufnahme ausgewählten Instrument von Bruce Kennedy zelebriert er die klangvollen Tanzsätze mit Genuss und einer großen Portion Spielfreude. Ob ein rauschendes Präludium oder eine nachdenkliche Sarabande (wie beispielsweise Track Nr.6), Holtz findet immer den richtigen Anschlag. Dabei nimmt er sich in der Tempowahl einige interpretatorische Freiheiten und spielt mit dem kontrastreichen Wechsel schneller und langsamer Passagen. Die reichen Verzierungen kostet er mit delikater Phrasierung aus, was seine Interpretationen sehr belebt. Das Instrument entfaltet dabei einen herrlich runden, wohltönenden Klang, der sich angenehm im ganzen Raum ausbreitet. Es ist ganz erstaunlich, was für weiche Klänge Holtz dem Cembalo zu entlocken vermag.

Christiane Bayer