Klassik.com (17.08.2009)

DER HEILIGE NIKOLAUS ALS BAROCKER ORATORIENHELD

Giovanni Bononcinis heutige geringe Bekanntheit steht in diametralem Gegensatz zu seiner einstigen Berühmtheit – zu Lebzeiten galt er als einer der führenden Komponisten Italiens. Er entstammte einer bedeutenden Musikerfamilie und wurde an San Petronio in Bologna ausgebildet, einer zentralen Stätte der Pflege aktueller Vokal- und Instrumentalmusik. Durch den musiknärrischen Kardinal Pamphili kam Bononcini in Kontakt mit der elitären Accademia dell’Arcadia. Den Gipfelpunkt seiner Karriere bedeutete Bononcinis Wechsel in die Dienste der kaiserlichen Hofkapelle in Wien.
Ein zeittypisches italienisches Oratorium…
Das Oratorium San Nicola di Bari entstand 1693 noch in Italien. Es ist das erste barocke Oratorium, das die Lebensgeschichte des populären Heiligen Nikolaus behandelt – ein zeittypisches Werk primär betrachtenden Charakters mit einer stereotypen Abfolge von Rezitativen und Arien. In den Arien offenbart sich Bononcinis herausragende melodische Begabung. Neben Arien mit reiner Continuo-Begleitung stehen streicherbegleitete, darunter solche, in denen es zu einer Concertogrosso- artigen Aufteilung in ein Solo-Concertino von zwei Geigen und Tutti kommt, gleich wie in einigen Arien der Oratorien von Alessandro Stradella. Der Text des Nikolaus-Oratoriums ist moralisierend und eher undramatisch, wie es sich für ein Oratorio volgare (also in italienischer Sprache im Gegensatz zum lateinischsprachigen Oratorium) des späten 17. Jahrhunderts gehört. Durch die abwechslungsreiche und affektintensive Gestaltung der Arien wird das Werk aber nie langweilig.
...in gediegener Interpretation
Für musikalische Vielfalt sorgt auch die abwechslungsreiche Besetzung des Continuo-Parts mit Erzlaute, Cembalo, Orgel, Cello, Bassvioline, Violoncello piccolo und Kontrabass. Die belgischen Musikerinnen und Musiker des Ensembles Les Muffatti bemühen sich um akzentuiertes Spiel im Sinne der historischen Aufführungspraxis. Dabei ist dem Orchester ein erfreulich hoher Standard zu bescheinigen. Die Wahl der Tempi scheint schlüssig und nie übertrieben, sondern aus der Musik heraus entwickelt.
Zeittypisch an San Nicola di Bari ist auch, dass die Hauptrollen des Nikolaus und seiner Mutter zwei Sopranen zugedacht sind, die Nebenrolle des Clizio einem Alt und nur eine einzige Rolle einer tieferen Stimmlage zugedacht ist, nämlich die des Vaters des Heiligen (Bass). Die beiden Sopranistinnen Lavinia Bertotti und Elena Cecchi Fedi verfügen über sehr ähnliche helle, beweglich geführte, aber wenig charakteristische Sopranstimmen, wie sie heute bevorzugt im Bereich der so genannten Alten Musik eingesetzt werden – mit typisch italienischen Timbres, erinnernd etwa an Roberta Invernizzi. Die Damen meistern ihre Parts sehr sicher und durchaus überzeugend. Gabriella Martelaccis Alt ist charakteristischer in der Färbung, aber auch nicht zu schwer und beweglich genug für rasche Passagen. Der Alte-Musik-erfahrene Bass Furio Zanasi vereint beeindruckende Tiefe mit erstaunlicher Flexibilität und überzeugt von den Solisten am meisten. Insgesamt sind die Leistungen des Vokalensembles aber als sehr gediegen zu bezeichnen.
Hier liegt eine erfreuliche Einspielung eines bedeutenden Werkes des barocken Oratorienrepertoires vor. Gediegenheit prägt nicht nur die musikalischen Leistungen, sondern auch den Gesamteindruck der Produktion: Cover, Booklet und CD-Box.

Dr. Franz Gratl