Klassik.com (19.12.2009)
PRACHTVOLLE MINIATUREN, DIE ZUR KONTEMPLATION EINLADEN
Um es gleich vorweg zu sagen: Diese CD ist etwas ganz Besonderes. Sie ist ein kleines Schmuckstück sowohl im Design ihres Booklets als auch in der Musik, die sie präsentiert. Der englische Lautenist Anthony Bailes ergründet in seiner neuen Einspielung die Schönheit französischer Lautenmusik, die am Hofe Ludwig XIV. sehr geschätzt wurde. Am Beispiel der damals meistangesehenen Virtuosen auf dem Instrument, den Cousins Denis (1603-1672) und Ennemond Gaultier (1575-1651), zeigt Bailes, wie hochentwickelt und elaboriert die Tonsprache während der Hochphase der Laute war. Im Booklet erwähnt er, dass die kostbaren Handschriften der Kompositionen Denis Gaultiers wohl nur die Zeiten überlebt haben, da sie in einen aufwendigen, kostbaren Einband aus schwarzem Chagrinleder mit silbernen Verzierungen und Tuschezeichnungen von Abraham Bosse gesammelt worden waren.
Dass aber nicht nur die Hülle sondern auch der Inhalt des Buches bewahrenswert ist, macht die Einspielung von Anthony Bailes deutlich. Er nähert sich den kompositorisch komplexen, kunstvoll gearbeiteten Tanzsätzen mit höchst differenzierter Tongebung. Jede Verzierung, jede Ausschmückung trägt zum musikalischen Hörvergnügen bei, nichts ist zu viel. Dass sich diese Musik an der Rhetorik orientiert, wird nicht nur am Titel der Sammlung von Denis Gaultier ('Apollon Orateur’) deutlich, sondern auch an der streng formalen Gliederung der Stücke. Es ist eine beredte, wenn auch wortlose Tonsprache, die klaren Regeln folgt. Während die Basslinie meist den langsamen Kommentar darstellt, winden sich die Oberstimmen in ausgefallenen Girlanden mit schnellen Läufen oder feingliedrigen Melodien um die Mittelstimmen.
Übertroffen wurde der Ruhm von Denis Gaultier nur durch seinen Vetter Ennemond Gaultier, der als höchste Autorität in Fragen des Lautenspiels galt. 1620 wurde Ennemond zum Kammerdiener von Maria de Medici ernannt und war einer der Hoflautenisten des Königs. Sein Name war in ganz Europa bekannt, und man schätzte seine präzisen Spielanweisungen und Verzierungsregeln. Anthony Bailes hat zwei Stücke von Ennemond Gaultier ausgewählt, die Chaconne in C-Dur und die Chaconne in F-Dur. Ihr Stil gilt als eingängiger, gefälliger als die Werke von Denis Gaultier. Die Chaconne in F-Dur war Jahrhunderte lang nur als Cembalowerk bekannt, bis vor knapp vierzig Jahren eine Lautentabulatur aus dem 17.Jahrhundert mit eben jener Chaconne auftauchte. Die Chaconne in C-Dur ist melodisch schlicht und melodiös. Bailes spielt sie in einer wunderbar weich klingenden Mittellage, die gute Resonanzen hat.
Für alle Stücke verwendet Bailes eine Laute von Gregori Ferdinand Wenger aus dem Jahr 1722, also ein Instrument, das über 50 Jahre nach dem Schaffen der Gaultier-Cousins gebaut worden ist. Das Instrument weist einen volltönenden, sehr obertonreichen Klang auf, der gut trägt. Bailes Spiel ist dadurch nicht laut, aber sehr intensiv. Abgerundet wird die CD durch informative Texte im Booklet und ein sehr ansprechendes Layout, das den Hörer dazu einlädt, sich intensiv mit dieser Musik zu beschäftigen. Die liebevoll gewählten Abbildungen eines vergoldeten, bestickten Lederstoffs mit Blumenapplikationen und Arabesken passen bestens zu den kontemplativen Miniaturen, die Bailes auf seinem Instrument vorträgt.
Christiane Bayer