Klassik.com (29.08.2009)
AUSFLUG ZUR IBERISCHEN HALBINSEL
Die vorliegende CD des Labels Ramée dokumentiert einige der bislang nur wenig bekannten Schätze aus einer Blütezeit spanischer Violinmusik unter italienischem Einfluss während der Zeit Ferdinand VI. Es sind die einzigen erhaltenen Violinsonaten des Geigers und Bratschers Juan de Ledemas (um 1713–1781), die erst 1986 wiederentdeckt wurden: reizvolle dreisätzige 'Sonatas para violín y bajo’, mit ihrer Tonsprache schon weit über die Barockzeit hinaus reichend und daher so manche Überraschung in sich bergend. Die Vorbilder aus der italienischen Musik sind durchweg unverkennbar, doch lassen sich – damit dem Schaffen Domenico Scarlattis vergleichbar – auch ‚Hispanismen’ in Gestalt von Einfügungen melodischer und rhythmischer Wendungen erkennen, deren Erscheinungsweise an andalusische Volksmusik erinnert. Sehr ansprechend ist die zur Realisierung herangezogene Besetzung mit Blai Justo (Violine), Elisa Joglar (Violoncello) und Bernard Zonderman (Gitarre). Dass die Musiker diese Besetzung mit Continuo-Instrument trotz der generellen Bezeichnung zeitgenössischer Violinsonaten als Sonaten mit ‚bajo solo’ (Bass allein) wählen, erklärt Justo ausführlich und nachvollziehbar im Booklet aus dem wohl als Konvention deutbaren Fehlen einer Bassbezifferung bei dieser Gattung (im Gegensatz zu ihrem Vorhandensein bei Triosonaten). Die Wahl der Gitarre an Stelle des Cembalos bewahrt das klangliche Gleichgewicht der Musik in besonderer Weise und verleiht den Sonaten sowohl eine gewisse Transparenz wie auch – etwa im 'Largo dulce’ der Sonata III Es-Dur-Sonate – eine ganz besondere Klanglichkeit. Dass darüber hinaus keine einzige Sonate wie die andere klingt, verdankt sich dem Umstand, dass die Musiker die Instrumentierung des Basses dem jeweiligen Charakter der Sonaten entsprechend geändert haben: So erklingen die Sonaten I und IV mit Barockgitarre, die Sonaten III und V (erstere mit Kapodaster, woraus wiederum eine ganz eigene Klangfarbe resultiert) sind dagegen mit einem frühromantischen Gitarrentypus besetzt, während in der Sonata II schließlich zugunsten eines intimeren Charakters ganz auf die Gitarre verzichtet wird. Darüber hinaus werden auch einige der langsamen Sätze mit nur einem Begleitinstrument interpretiert. Justo setzt die Werke sehr behutsam und klangschön um, agiert manchmal fast zärtlich und nie übertrieben virtuos, ist aber gelegentlich auch nicht ganz sattelfest bezüglich der Intonation. Spannung gewinnt die Aufnahme durch die Partner Joglar und Zonderman, deren jeweilige Stimmen nie beiläufig wirken, sondern im Sinne einer gleichberechtigten Partnerschaft ausgestaltet werden, wobei insbesondere der Gitarrist durch eine überraschende Vielseitigkeit glänzt. Insgesamt ist hier eine sehr lohnende Aufnahme entstanden, die wieder einmal verdeutlicht, welche musikalischen Schätze es noch zu entdecken gibt.
Dr. Stefan Drees