Fono Forum (Oktober 2005)

LEIDENSCHAFT FÜR DIE SACHE

Einen bemerkenswerten Gegenentwurf zu manch kleinem oder mittelgroßem Label, das sich zwar engagiert um ein Nischenrepertoire kümmert, dem man aber in der Präsentation sein beschränktes Budget und Können anmerkt, setzt nun Rainer Arndt: Seine Veröffentlichungen sind nicht nur musikalisch und tontechnisch erstklassig, sondern zeichnen sich auch durch eine ebenso sorgfältige wie ästhetisch ansprechende Aufmachung aus. Man nimmt die ersten vier CDs des Label Ramée gern in die Hand: Ihre grafische Gestaltung (Laurence Drevard) hat einen unverwechselbaren, eleganten Stil, der auf selbstgefällige Spielereien verzichtet und doch durch den geschickten Umgang mit Schrifttype und Leerraum für klare Strukturen auf engem Raum sorgt. Die einführenden Texte, z. T. von den Interpreten selbst verfasst, sind weitaus ergiebiger als der Durchschnitt dessen, was man sonst in CD-Beiheften zu lesen bekommt, und die Übersetzer scheinen auch etwas von Musik zu verstehen.
Es geht also doch. Gerechterweise sollte man erwähnen, dass Rainer Arndt nicht ausschließlich von diesen CDs leben muss. Er arbeitet teils als Barockgeiger in Ensembles wie La Petite Bande, Ricercar Consort und Musica Fiata, teils als Tonmeister für Labels wie Raumklang, Mirare und Flora. Dabei hat er Musiker kennen gelernt, denen es ebenso wie ihm darum geht, sich mit ganzer Leidenschaft für die Sache einzusetzen, den Komponisten und ihren Werken zu ihrem Recht zu verhelfen und nicht irgendwelchen Moden hinterherzurennen. Das musikalische Ethos Sigiswald Kuijkens, bei dem Arndt studiert hat, zeigt hier Wirkung.
Der Label-Name »Ramée« (»Laubwerk«) wurde in Anlehnung an »ramus« gefunden, was einerseits im Lateinischen »grüner Zweig« bedeuet, andererseits als Abkürzung für »Rainer-Arndt-Musikproduktion« gelesen werden kann. Das Label-Logo ist ein stilisierter Baum. Ohne das Bild zu sehr strapazieren zu wollen: Die ersten vier Zweige deuten darauf, dass hier eine Pflanze von sehr schönem Wuchs entsteht.

Unter dem Titel »O dulcis amor« präsentiert La Villanella Basel geistliche und weltliche Werke von Frauen des Seicento, wobei die fünf Baseler Musikerrinnen in ihrer sensiblen und umsichtigen Interpretation besonderen Wert auf eine differenzierte Verzierungs- und Diminutionstechnik legen.
Léon Berben spielt sodann auf der Scherer-Orgel zu Tangermünde Werke von Jacob Praetorius, sehr würdevoll und zugleich mit einer beeindruckend präzisen Beweglichkeit, was diese CD zu einer der wichtigsten im norddeutschen Orgel-Repertoire macht. Französischer Schmelz durchzieht die Violinsonaten von Jean-Marie Leclair, und der Kuijken-Schüler Luis Otavio Santos beweist in seiner lyrischen Spiel einen außerordentlichen Sinn für klangliche Delikatesse; auch seine Begleiter, Alessandro Santoro und Ricardo Rodriguez Miranda, wissen die für Leclair typische Mischung aus Eleganz und Raffinement optimal zur Geltung zu bringen. Auf der vierten CD schließlich plädieren Benedek Csalog und Miklós Spányi dafür, bei Bachs Flötensonaten ein Clavichord bzw. ein Silbermann-Fortepiano einzusetzen, weil diese Instrument leiser als ein Cembalo sind und daher besser zur Traversflöte passen. Dies ist nicht nur theoretisch plausibel, sondern kann auch ich der Praxis rundum überzeugen, da die beiden Ungarn in dieser sehr intimen Atmosphäre einen äußerst anregenden Dialog halten.
Zu wünschen bleibt, dass Ramée mit diesen wunderbaren Produktionen die Anerkennung findet, die ein solch großer Dienst an der Musik verdient.

Matthias Hengelbrock