Frankfurter Allgemeine Zeitung (9. Oktober 2007)
STRENGE UND FREIHEIT
Um englische Orgelmusik aus dem sechzehnten Jahrhundert auf einem zeitgenössischen Instrument darzustellen, muss man aufs Festland reisen. Die politischen Wirren, später die revolutionäre Einführung des Orgelpedals haben vom historischen Bestand auf der Insel kaum etwas übriggelassen. Leon Berben wählte deshalb die um 1521 entstandene, mitteltönig gestimmte Orgel im niederländischen Oosthuizen aus, um Musik von William Byrd neu einzuspielen (Ramee 0704 im Vertrieb von Codaex). Ob alle diese Stücke tatsächlich für die Orgel bestimmt waren, lässt Berben offen. Das musikalische Ergebnis gibt ihm recht. Trotz seiner geringen Größe besitzt das Instrument viel Farbe und Klangsubstanz. Das erste »Clarifica me« klingt auf der vierfüßigen Oktave kraftvoll, leuchtend, auch Formen wie »Ground«, »Voluntarie« oder »In Nomine« gelingen beredsam. Und von Akkord zu Akkord hält Berben die Spannung im getragenen Pleno-Praeludium, in den Fantasien beeindruckt sein perlender Anschlag, knackige Verzierungen und das rechte Maß zwischen Strenge und Freiheit.
Michael Gassmann