www.drehpunktkultur.at (19 Januar 2006)
ABSOLUT EU-TAUGLICH
Die Eltern waren teils französisch-savoyischer, teils
schottischer Abstammung und übersiedelten bald in den Elsass. Von dort
kam der junge Georg Muffat nach Paris, um hier eine Ausbildung zum Musiker zu
erhalten. Ludwig XIV. war erst seit zwei Jahren König, Lully baute gerade
die »Vingt-quatre violons du Roy« und »La petite bande« auf,
die Maßstäbe setzenden geigerischen Vorzeigeensembles der Epoche.
Über Ingolstadt, Wien und Prag kam Muffat schließlich als »Domorganist
und Kammerdiener« nach Salzburg an den Hof von Fürsterzbischof
Max Gandolf, wo der Geigenmeister H.I.F.Biber seinen ganz eigenen, virtuos-lautmalerischen
Violinstil kreiert hatte. Eine Studienreise führte Muffat - er steuerte
mittlerweile auf die dreißig zu - in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts
nach Rom zu Pasquini und Corelli.
Was für eine Sicht auf die damals aktuellsten Musikströmungen! Vieles
ist ineinander geflossen in Muffats Musik, speziell in den fünf Kammersonaten
der Sammlung »Armonico tributo«. Und er hat ein spannender
Gedanke des niederländischen Aufführungspraktikers Peter Van Heyghen
- nicht nur Ideen aufgegriffen, sondern auch weiter vermittelt: Mag sein, dass
Muffat, der den Wechsel zwischen großer, brillant-synchroner Streichertruppe
und solistischer Reduktion natürlich schon bei Lully erlebt hat, manches
davon dem Violinmeister Corelli erzählt, vorgeführt hat. Vielleicht
also ist Corelli seinerseits von Georg Muffat beeinflusst worden, vielleicht
stand Muffat als musikalischer Botschafter gar an der Wiege jener Concerto-grosso-Technik,
die manche (vorschnell) Pasquini und Corelli zuschreiben?
Es ist jedenfalls nicht abwegig, wenn sich ein renommiertes belgisches Ensemble,
das sich der barocken Orchestermusik für Streicher verschrieben hat, ausgerechnet
nach Muffat benennt. Er war wohl eine Figur im Musikleben seiner Zeit, die den
»vermischten Stil« aufs Anschaulichste praktizierte und vermittelte.
Die stilistische Vielzüngigkeit (die doch eine plausible, noch dazu persönlich
gefärbte Sprache ergibt) ist also auch die Herausforderung, und »Les
Muffatti« lösen sie unter der Leitung von Peter Van Heyghen sehr
überzeugend ein.
Da sind die langsamen Sätze, die Spannung aufbauenden »Sonate«,
mit denen die meisten Sonaten beginnen, die natürlich von französischem
Geist beseelten Grave-Sätze und die Sarabanden. Und dann sprudelt italienisches
Temperament in den raschen Sätzen mit launigen wie virtuosen Ripieno-Abschnitten.
»Les Muffatti« halten eine gute Balance zwischen musikantischem
Zugriff und gezierter Noblesse, zwischen »Italiänischer Manier«
(wie Muffat schreibt) und der munteren »auß Lullianischen Brunn
geschöpfter Lieblichkeit«. Der Komponist war sich übrigens der
Tatsache wohl bewusst, dass er mit seiner Vermittlertätigkeit zwischen
den Stilen seinen Zuhörern Neuland erschloss: als ein musikalischer EU-Botschafter
wohl, würde man heute sagen...
Reinhard Kriechbaum