Concerto Nr. 204 (Oktober/November 2005)
AUS PALÄSTEN UND KLÖSTERN
Zwei Motetten für Solostimme, Melodieinstrument und
Generalbass; zwei Intavolierungen einer Motette (die eine auf dem Cembalo, die
andere auf der Orgel gespielt); eine weitere (untextierte) Motette, in der die
Solostimme von einer Blockflöte übernommen und erfindungsreich diminuiert
wird: Das gibt gleich am Beginn gut zehn Minuten anregende Lektion in Sachen
'Frauenmusik' im Frühbarock. Caterina Assandra (ca. 1590-nach 1618) heißt
die Komponistin. Wenig wissen wir von ihr, außer dass sie als Nonne den
Namen Agata trug und ihr Leben in einem Benediktinerkloster bei Pavia beendete.
»O dulcis amor«: Davon im Stil der eben aufgekommenen Monodie zu
singen, war keineswegs nur an den Adelshöfen des Frühbarock statthaft.
Auch Vittoria Aleotti (ca. 1575 - nach 1620) war Nonne, und sie Tochter
eines Hofarchitekten von Ferrara trug schon geraume Zeit den Schleier,
als sie eine Ghirlanda de madrigali knüpfte. Wie kontrapunktisch
ausgefeilt diese vierstimmigen Stücke sind, kommt in der Wiedergabe durch
das Damenensemble La Villanella Basel mit Sopran, Blockflöte, Orgel und
Gambe plastisch heraus.
Francesca Caccini, Barbara Strozzi und Isabella Leonarda sind die Gallionsfiguren
der Komponistinnenzunft, es fehlt heutzutage nicht an Interpreten und vor allem
Interpretinnen, die ihnen nachspürten. Kein Wunder, dass Francesca Caccini,
älteste Tochter von Giulio Caccini, in den Adelshäusern von Florenz,
als Mitglied auch im Familienconsort Donne di Giulio Romano mit den neuesten
ästhetischen Strömungen vertraut war und Musik auf höchstem Niveau
beitrug.
Über ihr »Lasciatemi qui solo«, in dem jede Strophe mit einem
harmonisch einprägsamen, todtraurigen Ruf »Lasciatemi morire«
abgeschlossen wird, kann man ruhig sagen: Monteverdi vom Besten.
Auch Barbara Strozzi hat von ihrem Vater, dem venezianischen Dichter Giulio
Strozzi, eine profunde musikalische Ausbildung bekommen. »L'Eraclito amoroso«
über ein vier Töne absteigendes Motiv in Form einer Passacaglia gehört
zu den Pretiosen der Zeit. Isabella Leonarda (1620-1704) ist die dritte im Bunde;
sie wirkte im klösterlichen Bereich. Das war ja die zweite Möglichkeit,
in dieser Zeit so etwas wie Selbstverwirklichung zu erreichen: im klösterlichen
Dienst die im Regelfall wohl in Jugendjahren erworbene musikalisch-humanistische
Bildung umzusetzen.
Das besondere Verdienst des Ensemble La Villanella Basel ist es, auf dieser
CD mit Caterina Assandra und Vittoria Aleotti eben auch auf andere komponierende
Damen aus dem Klosterbereich hinzuweisen. Isabella Leonardas ausufernde, an
Sprachbildern wie an musikalischem Gestenreichtum kaum zu überbietende
Motette »Jam diu dilecte mi Jesu« dürfte freilich nicht so
bald von einer anderen komponierenden Nonne übertroffen worden sein (und
auch kaum von einem männlichen Kollegen der Zeit).
Reinhard Kriechbaum