Concerto Nr. 202 (Juni 2005)
Mehrere ihrer musikalischen Talente schickten
die Hamburger Bürger Anfang des 17. Jahrhunderts zum norddeutschen Organistenmacher
Jan Pieterszoon Sweelinck nach Amsterdam. Darunter Jacob Praetorius (alias »Schultze«)
und Heinrich Scheidemann, Söhne aus angesehenen Organisten-Familien, die
nach ihrer Rückkehr auch bald auf Lebenszeit in entsprechende Ämter
der Hansestadt berufen wurden: Praetorius an St. Petri, Scheidemann in der Nachfolge
seines Vaters an St. Katharinen. Johann Mattheson hat diese beiden herausragenden
Orgelmeister auf der Basis der ihm im 18. Jahrhundert noch zugänglichen
lokalen Quellen charakterisiert, nachzulesen in seiner Grundlage einer Ehren-Pforte
von 1740: »Prätorius bezeigte sich immer sehr gravitätisch und
etwas sonderbar; nahm seines Lehrherrn hohes Wesen an; und liebte die äußerste
Nettigkeit in allem seinen Thun, wie der Holländer Gewohnheit ist. Scheidemann
hingegen war freundlicher, und leutseeliger, ging mit jedermann frey und frölich
um, und machte nichts sonderliches aus sich selber. ... Schultzens Sachen fielen
schwerer zu spielen, und wiesen mehr Arbeit, worin er vor allen andern was voraus
hatte.«
Praetorius gravitätischer Art ist in der vorliegenden Aufnahme trefflich
nachzuhören. Was nicht heißt, dass man Léon Berbens Interpretation
irgendwelche Mühen beim Spielen anhören würde. Mit Leichtigkeit
verwandelt er auf der Scherer-Orgel in Tangermünde, einem der besterhaltenen
historischen Instrumente der norddeutschen Orgellandschaft, jene kontrapunktisch
elaborierten und gerne phantasievoll am Cantus firmus entlang kolorierten Sätze
in betörende Klanggebilde. Gilt den ausladenden Bearbeitungen der Choral-
Melodien und Magnificat-Töne das Hauptaugenmerk der Einspielung, hat Berben
ihnen als Intermezzi drei Praeambula beigegeben kürzere, thematisch
freie Kompositionen mit fugiertem Mittelteil. Die liturgische Alternatim-Praxis
lässt er beim Magnificat Primi Toni wieder aufleben; die Mezzosopranistin
Britta Schwarz übernimmt dabei den vokalen Part. Das damals weit verbreitete
liturgische Wechselspiel zwischen gesungenen Lied- oder Psalmversen und (meist
improvisierten) Instrumentalsätzen beginnt hier mit der unbegleiteten Psalmodie
des ersten Verses, erst dann setzt die Orgel mit Klangmacht und Kontrapunkt-Pracht
ein, um die Psalmodie im weiteren Verlauf teils zu ersetzen, teils zu ergänzen
(letzteres etwa im wirkungsvollen Echo-Spiel zwischen dem »Esurientes«
und dem »Suscepit Israel«). Auf die reine Orgelbearbeitung beschränkt
Berben dagegen die Wiedergabe des Magnificat Quarti Toni, während
er im Magnificat germanice den ersten Vers in niederdeutscher Fassung
mit der Wiederholung jeder Textzeile zum Orgelspiel singen lässt.
Berben hat ein im Nebeneinander von gebundenen und freien Stücken, aber
auch in der Binnenstruktur der Choralbearbeitungen höchst abwechslungsreiches
Programm zusammengestellt, das die Möglichkeiten des dreimanualigen Instruments
von 1624 mit Virtuosität vorführt. Im Booklet hat er überdies
die Möglichkeit genutzt, Persönlichkeit und Wirkungsfeld des Jacob
Praetorius u.a. mit Hilfe der Mattheson-Zitate pointiert zu skizzieren.
Die Disposition der Scherer-Orgel findet sich hier ebenfalls, allerdings wurde
auf Angaben zu den Registrierungen der eingespielten Werke verzichtet. So ist
der Rezensent auf Mutmaßungen angewiesen, welche Register die Kolorierung
des Cantus firmus im letzten Vers der Choralbearbeitung »Von allen Menschen
abgewandt« prägen, mit der die Einspielung endet. Sind es vielleicht
Zifelit 1 1/2 und Scharp 3-6fach aus dem Rückpositiv
oder etwa Nasath 3 und Zimbel 3fach aus dem Oberpositiv,
mit denen Berben die Tongirlanden in der Oberstimme des Triosatzes auf dem mitteltönig
gestimmten Instrument fast impressionistisch einfärbt?
Bernd Heyder