Concerto (Februar/März 2009)

Selbst versierte Freunde der Barockmusik kennen Giovanni Bononcini wohl meist aus den Büchern, insbesondere den Biographien Händels, in denen von der Konkurrenz im King's Theatre in den 1720er Jahren berichtet wird. Seine Musik jedoch ist trotz seiner historischen Bedeutung und der Wertschätzung seiner Zeitgenossen noch weitestgehend unbekannt. Die vorliegende Weltersteinspielung stellt also allein schon deswegen einen wichtigen diskographischen Beitrag dar. Das vorgestellte Werk ist darüber hinaus das einzige Oratorium, das das Leben des in Vielen Ländern so populären Heiligen Nikolaus zum Thema hat. Ihm wird im Titel der Name jenes Ortes beigegeben, in dem sich heute seine Reliquien befinden (die 1087 aus Myra in der heutigen Türkei nach Italien verschleppt wurden): die süd-italienische Hafenstadt Bari. Das Libretto stammt von einem der bedeutendsten Autoren seiner Zeit: Silvio Stampiglia (1664/1725), von dem mehrere Operntexte für Bononcini und Händel stammen (am berühmtesten ist Serse, den beide vertonten). Entstanden 1693 in Rom, verfügen Text und Musik von San Nicola di Bari über viele opernhafte Elemente. Das Ganze gliedert sich in zwei Teile, denen eine einleitende Sinfonia im Stile Corellis vorangestellt ist. Das Oratorium von gut 80 Minuten Dauer verteilt sich auf vier Personen; einen Chor gibt es nicht, nur Rezitative und Arien, einzig der Schluss ist als Duett angelegt. Das Label Ramée, dessen Booklets und Aufnahmen immer sorgfältig gemacht sind, legt hirmit die dritte Produktion des belgischen Barockorkesters Les Muffatti vor, dem sich nun erstmals Sänger hinzugesellen. Peter Van Heyghen, der auch den instruktiven Einführungstext verfasst hat, wählte ausschließlich Sänger mit italienischer Muttersprache, was sich deutlich im Timbre und in der idiomatischen Gestaltung der Rezitative niederschlägt (für deren Abwechslungsreichtum und Lebhaftigkeit wurde Bononcini zu Lebzeiten besonders geschätzt). Das Ensemble sekundiert flexibel und differenziert. Bononcini muss, wie Antonio Caldara eine Generation später, ein ausgezeichneter Cellist gewesen sein, denn dieser Partie wird einiges abverlangt. Zahlreiche Arien sind nur mit Continuobegleitung angelegt, bei der die Cellostimme (sehr schön gespielt von Marian Minnen) obligat geführt ist. Gelegentlich schließt eine solche Arie dann mit einem kurzen Orchesterritornell. Motivisch lässt manches an Händel denken, der abev erst rund 15 Jahre nach Entstehung des Werkes nach Italien kam. So die Arie »Un dolce affetto«, die aus einem langsamen A-Teil und einem schnellen Mittelteil besteht. Die weitere Kenntnis des Œuvres von Bononcini gibt also Aufschluss, wie Händel den damaligen italienischen Musikgeschmack und -stil adaptierte. Das Werk macht auch deutlich, weshalb Bononcini in London zum Teil noch größeren Erfolg als Händel hatte, denn es ist musikalisch sehr abwechslungsreich. Eine wichtige Repertoirebeicherung, die Lust auf mehr macht.

Helmut Schmitz