www.classic.com (25. Januar 2008)
Eine CD mit Orgelmusik eines Komponisten
über 74 Minuten aufmerksam zu hören verlangt nicht selten einiges
an Konzentration und Mühe. Ganz anders bei dieser Einspielung von Werken
des englischen Komponisten William Byrd (1540-1628). Diese CD zu hören
ist ein wirkliches Vergnügen! Byrd, der vor allem durch seine Vokalmusik
bekannt ist, hat rund 120 Stücke für Tasteninstrumente hinterlassen
(wobei offen bleibt, für welche Instrumente er geschrieben hat), die unterschiedlichen
Gattungen angehören. Beispiele aus den wichtigsten Gattungen sind auf dieser
CD vereinigt: So finden sich neben geistlichen Stücken (z.B. die beiden
Clarifica me pater' MB 48 und MB 49, die der CD auch den Namen gegeben
haben) vier Phantasien (MB 13, 25, 63 und 46), aber auch Tänze und zwei
so genannte Ground-Stücke, d.h. Werke mit wechselnden Harmonien und Variationen
über einer gleichbleibenden Melodie, die nicht notwendig im Bass, sondern
auch in einer anderen Stimme auftreten kann.
Die für Tasteninstrumente geschrieben Stücke Byrds sind unkonventionell.
In seinen Kompositionen orientiert er sich nicht an den Standards, die auf den
Kontinent in Geltung waren, sondern mischt teilweise verschiede Stile in ein
und demselben Stück. Besonders frei komponiert sind seine Phantasien. Sie
sind Vorformen der Toccata, in denen ein Spieler seine Virtuosität zeigen
kann und der Komponist mit Formen experimentiert. In ihnen finden sich unterschiedliche
Elemente wie Fugato, Canzonen, Tanz und überraschenden Tonartenwechsel
miteinander vereint.
Léon Berben, der 1970 geboren wurde und u.a. bei Ton Koopman und Gustav
Leonhardt Cembalo und Orgel studierte, wird sowohl den virtuosen als auch den
eher tiefsinnigen Stücken Byrds vollauf gerecht. Die improvisierten Elemente
in den Werken sind nie Selbstzweck. Er spielt auf der Orgel der Grote Kerk in
Oosthuizen, einem Instrument, dessen Entstehung auf das Jahr 1521 zurückgeht
und das 2002/03 sorgfältig renoviert worden ist. Die Orgel klingt auch
durch die hervorragende Aufnahmequalität der CD warm und klar, aber auch
festlich und transparent und eignet sich damit sehr gut sowohl für die
eher repräsentativen als auch für die eher kontemplativen Stücke
Byrds.
Die CD ist attraktiv aufgemacht. Das Booklet enthält eine von Berben geschriebene
ausführliche und instruktive Einführung in das Leben und Werk von
Byrd in deutscher, englischer und französischer Sprache. Leider äußert
sich Berben aber nur wenig zur Frage, warum er ausgerechnet die Stücke
ausgewählt hat, die er auf der CD einspielt. Über die einzelnen Orgelstücke
selbst erfahren wir nichts. Das ist bedauerlich, denn wer die Einspielung hört,
wird sich den Eindrucks nicht verwehren können, dass Berben sich mit den
Werken auch analytisch sorgfältig auseinandergesetzt hat. Er hätte
also etwas zu sagen gehabt.
Prof. Dr. Michael Bordt